Petit Parisien - Moritz Aisslingers Chronik des Jahres Null

Paris -
Moritz Aisslingers Chronik des Jahres Null
Moritz Aisslingers Chronik des Jahres Null

Moritz Aisslingers Chronik des Jahres Null

Das Jahr null existierte historisch nicht, doch die Epoche um diese fiktive Zäsur war von enormer Bedeutung. Der Journalist Moritz Aisslinger beleuchtet in seinem neuen Werk die parallelen Entwicklungen im Römischen Reich, China und Judäa und entlarvt die Machtpolitik der damaligen Herrscher.

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Der Versuch, die Ereignisse des ersten Jahres unserer Zeitrechnung zu beschreiben, stößt auf ein fundamentales historisches Problem: Das Jahr null hat nie existiert. Dennoch markiert dieser Begriff in der kollektiven Vorstellung einen Anfang, der oft mit der Geburt Jesu Christi verknüpft wird. Der Redakteur Moritz Aisslinger greift dieses scheinbare Rechenproblem auf, um es als Ausgangspunkt für eine umfassende historische Reise zu nutzen. Seine These lautet, dass die Zeit um diese fiktive Zäsur keineswegs leer war, sondern im Gegenteil von einer Dichte an bemerkenswerten Ereignissen geprägt war, die bis heute nachwirken.

Aisslinger konzentriert sich in seinem Werk nicht auf ein einzelnes Jahr, sondern betrachtet einen Zeitraum vom Jahr 29 vor der Zeitenwende bis zum Jahr 35 nach ihr. Er fügt bekannte historische Puzzlestücke zusammen und ordnet sie chronologisch nach dem heute gültigen Kalender. Dabei deckt er Regionen auf, die oft isoliert betrachtet werden: das Römische Reich, China und Judäa. Die Quellenlage ist für diese Gebiete unterschiedlich, doch insbesondere für Rom existieren dichte schriftliche Überlieferungen mit genauen Zeitangaben, die es ermöglichen, Schicksale und Ereignisse präzise zu datieren und ihre Überschneidungen sichtbar zu machen.

Die römische Welt erscheint in dieser Perspektive erstaunlich klein. Statthalter, Heerführer und Kaiser reisten durch ein Reich, das das Mittelmeer als Mare Nostrum bezeichnete und dessen Ufer es beherrschte. Im Zentrum steht Augustus, der erste römische Kaiser, der sich am Ende seines Lebens ebenso von der Macht korrumpiert zeigte wie Herodes in Judäa oder Wang Mang in China. Diese Figuren, die an machtbesessene Herrscher der Gegenwart erinnern, lebten nicht nur zeitgleich, sondern ihre Wege kreuzten sich häufig. Sie waren Berater und Zeitzeugen zugleich, wie Nikolaus von Damaskus, oder Opfer der Mächtigen, wie der Dichter Ovid, der den Rest seines Lebens am fernen Schwarzen Meer verbringen musste.

Aisslinger nutzt eine erzählerische Technik, die an das Schwenken einer Kamera erinnert. Er zoomt nah an einzelne Orte heran und blendet gleichzeitig in andere Regionen ein, etwa ins Partherreich, nach China, Mexiko oder in die Maya-Staaten. Streiflichter lassen künftige Ereignisse in Britannien ahnen oder zeigen den legendären Erfolg des Arminius gegen den in die Falle tappenden Varus im Teutoburger Wald. Auch Indien und Nordafrika werden beleuchtet. Die Nahsicht enthüllt hinter der heldenhaften Fassade von Männern wie Augustus und Tiberius eine Realität, in der über Leichen gegangen wurde, um die eigene Macht zu sichern.

Ein zentrales Thema des Buches ist die Rolle der Frauen und Kinder in dieser turbulenten Epoche. Das Schicksal der Kaisertochter Julia oder der Kaiserenkelin Agrippina wird als bedrückend dargestellt. Auch Kleopatras Tochter Selene, die zum Spielball Roms wurde, oder Salome am Königshof des Herodes, die Unheil stiftete, erhalten Raum. Diese Perspektiven zeigen, wie sehr das Leben der Menschen von den Entscheidungen weniger mächtiger Männer abhängt.

Die Zeit um das Jahr null war dicht gepackt mit Ereignissen, die bis heute nachwirken. Dazu gehören das Scheitern der Römer bei der Eroberung Germaniens, die Entstehung einer neuen Religion durch Saulus, der zum Paulus wurde, das tragische Ende der Ptolemäer-Herrschaft in Ägypten und die Rebellion römischer Truppen am Rhein. Selbst Nachrichten waren in dieser Zeit ohne Zeitungen oder moderne Kommunikation schneller unterwegs, als man vermutet. Ovid schickte aus seiner Verbannung Briefe nach Rom, wo er einst große Erfolge gefeiert hatte. Sein Thema, die freie Liebe, passte jedoch nicht zum autoritären Sittenwächter Kaiser Augustus.

Aisslinger zieht Parallelen zur Gegenwart, indem er zeigt, wie autoritäre Zeiten auch empathielose Zeiten sind. Wer von freier Liebe schwärmt, erzürnt die obersten Wächter der Moral. Diese Dynamik erinnert an erzkonservative Moralisten, die öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein saufen. Der Autor hat Quellen und moderne historische Arbeiten gegen den Strich gelesen, um den Schmonzes an Herrscherverherrlichung abzukratzen und die tatsächlichen Taten der Mächtigen herauszuarbeiten.

In diesem Kontext wird verständlicher, warum ein junger Prediger in Galiläa eine andere Haltung zu Gott und Moral predigte. Seine Jünger waren verwirrt, doch trotz seines Todes am Kreuz veränderte er die Weltgeschichte. Saulus begriff auf dem Weg nach Damaskus, dass diese neue Sekte weltumstürzend war und nicht nur Juden ansprechen sollte. Die Veränderung der Perspektive ist es, die Aisslingers Erzählung bestimmt.

Wer die Taten der Mächtigen nicht aus der Position der historischen Verklärung, sondern aus der Sicht derer betrachtet, die ihren Missmut auf sich gezogen haben, erkennt die Gnadenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit ihrer Politik. Dies gilt selbst für Wang Mang, der das chinesische Reich in eine Art Ur-Sozialismus reformieren wollte. Sein Experiment scheiterte nicht nur an einer Überschwemmungskatastrophe des Gelben Flusses, sondern auch an den Verzerrungen der Macht, die ihn den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren ließen.

Mittendrin begegnen dem Leser berühmte Autoren der Zeit, von Vergil bis Ovid. Die römische Elite war bestens mit guter Literatur versorgt, auch wenn diese dem Kaiser aus verlogenen Moralgründen nicht passte. Am Ende des betrachteten Zeitraums beginnt Seneca seine Karriere, und der junge Nero taucht auf. Die Geschichte endet nicht.

Aisslinger schafft es mit seiner Geschichtsrekonstruktion, Geschichte als einen großen breiten Fluss zu zeigen, in dem Personen, Ereignisse und Orte ineinandergreifen. Der Fokus liegt stark auf dem Römischen Reich, doch es wird deutlich, dass auch in anderen Weltregionen Geschichte abrollte, die Wirkungen bis in die Gegenwart haben sollte. Bis hin zu den Bootsbauern in Ozeanien, die sich wagemutig auf die Suche nach neuen Inseln begaben.

Das Buch von Moritz Aisslinger mit dem Titel „Im Jahr Null“ ist im Propyläen Verlag erschienen.

V.Roy--PP