Petit Parisien - Nicolas Feuz über KI-Kontroverse: Thélyson Orélien als Sündenbock der Literaturwelt

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Nicolas Feuz über KI-Kontroverse: Thélyson Orélien als Sündenbock der Literaturwelt
Nicolas Feuz über KI-Kontroverse: Thélyson Orélien als Sündenbock der Literaturwelt

Nicolas Feuz über KI-Kontroverse: Thélyson Orélien als Sündenbock der Literaturwelt

Der Schriftsteller Nicolas Feuz setzt sich mit dem Skandal um Thélyson Orélien auseinander. Er sieht darin ein Symptom einer polarisierten Gesellschaft, in der Nuancen verschwinden. Für ihn ist KI ein Werkzeug, kein Betrug, solange die Autorenschaft klar bleibt.

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Der Fall um den Autor Thélyson Orélien hat in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz sowie international für massive Schlagzeilen gesorgt. Das Thema spaltet die Öffentlichkeit und polarisiert auf eine Weise, die nach Ansicht des Schriftstellers Nicolas Feuz zeigt, dass in der heutigen Welt kaum noch Platz für Zwischentöne existiert. Jede noch so kleine Kontroverse führe zu extremen Positionen, während eine sachliche Debatte kaum noch möglich sei.

Feuz, der regelmäßig für das Medienhaus watson schreibt und dort Persönlichkeiten aus der Romandie einlädt, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren, zieht in seinem Text eine scharfe Bilanz. Er argumentiert, dass die zunehmende geistige Verarmung ihren Höhepunkt in den sozialen Medien erreicht habe. Diese seien zum neuen Schauplatz eines Populismus geworden, der von politischen Extremen mit Fake-Accounts und Trollen befeuert werde, um ein verzerrtes Bild der Realität zu vermitteln. Ein regelrechtes Schlachtfeld voller Fake News und Verschwörungstheorien entstehe.

Als Beispiel für diese Polarisierung führt Feuz die bevorstehenden französischen Präsidentschaftswahlen an. In den sozialen Medien entstehe der Eindruck, es gebe nur noch zwei Möglichkeiten: Marine Le Pen und den Rassemblement National (RN) oder Jean-Luc Mélenchon und La France insoumise (LFI). Doch spiegelten die sozialen Medien tatsächlich die Wahlabsichten der Französisinnen und Franzosen wider? Feuz hofft, dass sich zwischen diesen Extremen eine Mehrheit für einen Mittelweg entscheidet, der eher Heilung als Chaos verspricht. Vielleicht werde diese Mehrheit unterschätzt, gerade weil sie sich von den sozialen Medien fernhalte oder ihre Fähigkeit zum kritischen Denken bewahrt habe.

Die ebenso verabscheuungswürdige wie zerstörerische Polarisierung erfasse nach und nach jeden Bereich der hochvernetzten Welt. Sie betreffe jedes Thema, das eigentlich eine vertiefte Auseinandersetzung, Verständnis, Analyse und die Fähigkeit zum Nachdenken erfordern würde, bevor man sich ein Urteil bilde. Doch in einer Welt, in der die sofortige Verfügbarkeit von Informationen oberste Priorität habe, bleibe für gründliche Recherchen und Reflexion kaum noch Zeit. Die Folge sei, dass selbst grundlegende Prinzipien wie die Unschuldsvermutung auf dem Altar der Ignoranz geopfert würden.

Was auch immer man über den Fall Orélien denke: Der Autor habe die Folgen zu spüren bekommen – und bekomme sie noch immer. Es müsse offenbar schnell gegangen sein, sein Buch in Misskredit zu bringen und eine mögliche Auszeichnung mit dem Prix Goncourt oder dem Prix Renaudot zu verhindern. Dabei wisse man damals nicht und wisse bis heute nicht, in welchem Umfang der Autor beim Schreiben auf künstliche Intelligenz zurückgegriffen habe.

Thélyson Orélien habe sich leider gleich mehrere Dinge zuschulden kommen lassen. Zunächst rückte er durch seine zahlreichen Nominierungen für renommierte Literaturpreise an die Spitze einer ganzen Reihe von Schriftstellern, die bereits KI einsetzen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Hinzu kam der Vorwurf des Plagiats, den der Autor selbst eingeräumt habe. Und schließlich die Lüge über den Einsatz von KI, den sein Verlag in Quebec bestätigt habe. Dabei hätte Orélien von Anfang an offenlegen können und müssen, wie genau er die Technologie eingesetzt habe.

Eine solche Offenheit hätte die Krise möglicherweise noch rechtzeitig entschärfen können. Stattdessen habe ihn seine Lüge endgültig unglaubwürdig gemacht. Was er heute auch sage, es sei zu spät. Man glaube ihm nicht mehr. Wenn ein Schriftsteller KI einsetze, sei das kein Verrat. Eine Lüge hingegen schon. Und sie könne vernichtend sein.

Trotz allem sei man beinahe versucht, Thélyson Orélien zu entschuldigen und echtes Mitgefühl für ihn zu empfinden. Denn das öffentliche Tribunal, dem er ausgesetzt war und noch immer ist, sprengte jede Vorstellungskraft. Eine regelrechte Hasswelle in einer Welt, die keine Zurückhaltung mehr kenne. So sehr, dass Feuz in ihm heute unweigerlich einen Winkelried sehe, der an vorderster Front geopfert wurde, indem man ihn in die Speere des Feindes warf. Damit sollte eine Bresche in den hastig errichteten Schutzwall einer Literaturwelt geschlagen werden, die von der Wucht dieser neuen Technologie völlig überrollt wurde.

Thélyson Orélien habe für viele andere bezahlt, weil er das Pech hatte, im falschen Moment am falschen Ort im Rampenlicht zu stehen. Was seine Verteidigung gegen die ersten Vorwürfe betreffe, könne Feuz des Eindrucks nicht erwehren, dass er entweder keine Kommunikationsprofis an seiner Seite gehabt habe, obwohl er sie dringend gebraucht hätte, oder dass diese ihn äußerst ungeschickt beraten hätten.

Hinter den ursprünglichen Anschuldigungen stehe der Schriftsteller Samuel Fitoussi und ein Kollektiv, das den anonymen X-Account «Balance ton Claude» betreibt. Auch ihre Kommunikationsstrategie biete reichlich Angriffsfläche. Samuel Fitoussi bestritt zunächst ebenfalls, an den Anschuldigungen beteiligt gewesen zu sein. Erst nachdem die Redaktion des «Figaro», für den er selbst als Kolumnist schreibe, entsprechende Informationen veröffentlicht habe, räume er seine Beteiligung öffentlich ein.

Samuel Fitoussi erklärt, er wolle vor dem Einsatz von KI in der Literatur warnen. Gleichzeitig ist er selbst Unternehmer und Investor im KI-Bereich. Will er seinen Feind also von innen heraus besser kennenlernen? Das müsse jeder selbst beurteilen. Schließlich bestreite Samuel Fitoussi jegliche politische Einflussnahme bei seinem Vorgehen. Gleichzeitig erklärt er offen, dass er im zweiten Wahlgang den RN wählen würde, wenn die einzige Alternative LFI wäre. Und nun greift er ausgerechnet ein erfolgreiches Buch scharf an, das sich für Migranten einsetzt.

Ein kausaler Zusammenhang sei zwar nicht nachgewiesen und werde vom Betroffenen bestritten. Dennoch dürfe man sich über entsprechende Verknüpfungen nicht wundern, selbst wenn diese möglicherweise bloss populistisch seien und vom gegnerischen politischen Lager instrumentalisiert würden. Ob eine verborgene Absicht dahinterstecke oder es sich um Ungeschicklichkeit handle, müsse jeder selbst beurteilen. Wurde die Kommunikation aufseiten der Ankläger also ebenso schlecht gehandhabt wie aufseiten der Verteidigung? Schwer zu sagen. Eines sei sicher: Aufmerksamkeit verkaufe sich, auch wenn sie negativ sei.

Thélyson Orélien habe eine mediale Aufmerksamkeit erhalten, die weit über jene rund um die jüngste Verleihung des Prix Goncourt 2026 hinausgehe. Dessen Preisträger habe übrigens gerade eingeräumt, in seinem Text teilweise KI eingesetzt zu haben, was die Situation doch ziemlich kurios mache. Es würde Feuz kaum überraschen, wenn Thélyson Orélien am Ende mehr Exemplare seines Buches verkaufen würde als der Gewinner des Prix Goncourt. Sollte das unausgesprochene Ziel der Anschuldigungen darin bestanden haben, die Stimme der Migranten zum Schweigen zu bringen, wäre dieses Vorhaben jedenfalls gescheitert.

Hat Fitoussi die mediale Aufmerksamkeit womöglich auch genutzt, um seinen eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern? Schwer zu sagen. Das wäre jedenfalls eine ziemlich riskante Wette. Denn der Effekt von positiver und negativer Aufmerksamkeit könnte auch ihn treffen. Einerseits könnten Neugierige seine Bücher entdecken wollen, andererseits könnten sich andere dazu entschließen, ihn zu boykottieren.

So etwa zwei Buchhandlungen, die Feuz sagten: «Ich weiß nicht, ob ich Oréliens Buch weiterhin unterstützen werde. Aber Fitoussis Bücher haben in meinen Regalen nichts mehr verloren. Ich habe sie zur Rückgabe aussortiert.» Als er sie darauf hinwies, dass sie Fitoussis tatsächliche Beweggründe nicht kennen und er in der Sache möglicherweise recht habe, bekam er folgende Antwort: «Ich gewähre Fitoussi dieselbe Unschuldsvermutung, die er Orélien gewährt hat.» Feuz konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Denn in seinem Denken als Strafrechtler klang dieser Satz so treffend. Gleichzeitig kam ihm ein anderes Bild in den Sinn: der mittelalterliche Mythos, wonach man manchmal den Überbringer schlechter Nachrichten tötete.

Der Fall Thélyson Orélien habe zumindest eines bewirkt: Er habe die abgeschottete Verlagswelt dazu gebracht, endlich den Kopf aus dem Sand zu ziehen. Der Einsatz von KI in der Literatur sei ein wichtiges Thema, bei dem eine Polarisierung unbedingt vermieden werden sollte. Denn es gebe nicht bloss zwei Kategorien: Bücher, die zu 100 Prozent von Menschen geschrieben wurden, und Bücher, die zu 100 Prozent von KI stammen. Die überwiegende Mehrheit der heutigen und künftigen Bücher werde eine Mischform sein.

Denn noch einmal: Sie wüssten bis heute nicht, wie genau Thélyson Orélien KI eingesetzt habe. Hat er sie lediglich für «Recherchen» genutzt, wie er behauptet? Angesichts der Entscheidung seines Verlags in Québec wohl kaum. Hat er die KI damit beauftragt, die Handlung ganz oder teilweise zu entwickeln? Hat er den ersten Entwurf des Textes ganz oder teilweise von KI schreiben lassen? Oder hat er lediglich seinen eigenen Entwurf mithilfe von Formulierungsvorschlägen der KI überarbeitet? Zum jetzigen Zeitpunkt wüssten sie es nicht.

Marc Voltenauer und Feuz haben sich öffentlich klar zum Einsatz von KI als Arbeitsinstrument beim Schreiben positioniert. Mithilfe von KI zu arbeiten, sei nicht dasselbe, wie einen Text von KI schreiben zu lassen. Der Kern ihres Berufs bestehe darin, Geschichten zu erfinden und sie aufzuschreiben. Das sei es, was sie lieben, was ihnen Freude bereite. Und diese Aufgaben würden sie niemals an eine Maschine delegieren.

Als Arbeitsinstrument sei KI hingegen eine sehr gute Lektorin und Analystin. Sie sei ein äußerst leistungsfähiges Werkzeug, das die redaktionelle Arbeit erleichtere. Besonders bei einem Kriminalroman, in dem alles genau stimmen müsse: Daten, Orte, Abläufe und so weiter. Sie erkenne Unstimmigkeiten, Lücken, Widersprüche, Wiederholungen und unnötige Abschweifungen. Bei einem Manuskript von 600 Seiten sei das besonders wertvoll.

KI spare enorm viel Zeit bei grundlegenden Fragen der Rechtschreibung, Grammatik, Syntax und Typografie. Auch beim Aufspüren bestimmter inhaltlicher Fehler erweise sie sich als beeindruckend effizient. Das bedeute aber keineswegs, dass man die vorgeschlagenen Korrekturen nicht kritisch hinterfragen müsste. Denn nicht alle seien gerechtfertigt. Außerdem erkenne die KI längst nicht jeden Fehler. Auch bei Vorschlägen zur Umformulierung von Sätzen seien eine gewisse Distanz und Vorsicht angebracht. Denn genau hier verlaufe die Grenze zwischen einer KI, die korrigiert, und einer KI, die selbst Texte generiere.

KI ersetze weder die Arbeit des Autors noch jene des Verlags oder des Korrektorats. Sie sei eine wirksame Unterstützung, mache aber den menschlichen Blick, die hohen Ansprüche und das Fachwissen von Profis nicht überflüssig. Und Feuz werde seinen eigenen literarischen Stil, selbst wenn er nicht perfekt sei, tausendmal lieber beibehalten, als auf glatte, stereotype Formulierungen zurückzugreifen, die nicht von ihm stammten.

Vor allem aber würden die Grundideen seiner Geschichten, die Entwicklung der Handlung und das Schreiben des ersten Entwurfs immer seine Aufgaben bleiben. Er werde sie niemals an eine Maschine delegieren.

Ein mögliches Gütesiegel für Bücher, die zu 100 Prozent von Menschen geschrieben wurden, lehne er ab. Es könnte nur für Verwirrung sorgen. Was würde «100 Prozent menschlich» überhaupt bedeuten? Dass der Autor überhaupt keine KI verwendet habe, nicht einmal für seine Recherchen? Dass er während des Schreibens allein in einem Zimmer ohne Internetzugang eingesperrt war?

Denn heute sei jede Internetsuchmaschine wie Google mit KI ausgestattet. Das Gütesiegel könnte folglich nur an Autoren vergeben werden, die ausschließlich in Büchern recherchierten. Und wer würde dieses Gütesiegel vergeben? Der Verlag selbst? Mit welchen Garantien? Eine «unabhängige» Organisation? Wie ließe sich das überprüfen?

Ein solches Gütesiegel könnte auch eine gewisse Heuchelei offenbaren. Denn zahlreiche Autoren nutzten seit Langem Programme wie Antidote. Dabei handele es sich um eine weitverbreitete Schreibsoftware, die Texte korrigiere, intelligente Umformulierungen vorschlage und bereits KI einsetze. Müsste man also gleich mehrere Gütesiegel schaffen? «100 Prozent menschlich», «100 Prozent menschlich, aber mit Antidote» oder «Menschlich, aber mit begrenztem KI-Einsatz für Recherchen, Analysen und die redaktionelle Bearbeitung»?

Und müsste man auf Büchern von Alexandre Dumas wie «Die drei Musketiere» oder «Der Graf von Monte Christo» vermerken: «Originalidee des Autors, vollständig von einem Ghostwriter geschrieben und bei der abschließenden Durchsicht vom Autor nach seinem Geschmack überarbeitet»? Denn wie Alexandre Dumont, Digitalexperte des belgischen Rundfunks RTBF, bereits im März 2026 und damit lange vor Bekanntwerden des Falls Thélyson Orélien einen Artikel betitelte: Was, wenn KI der Ghostwriter des 21. Jahrhunderts wäre?

«Sie schreibt, der andere unterschreibt. Diskret, kompetent, unsichtbar. (…) Ghostwriting ist kein Betrug. Es ist ein Beruf, eine Zusammenarbeit, eine Kunst, sich selbst zurückzunehmen.» Denn zu Zeiten des Ghostwritings, das auf eine lange und anerkannte Tradition zurückblicke, liege «der Wert nicht im Tippen. Er liege in der Geschichte, die erzählt werden sollte, in der Haltung, die vertreten werden sollte, und in den Erfahrungen, die geteilt werden sollten.»

Dennoch gebe es zwischen KI und einem menschlichen Ghostwriter einen grundlegenden Unterschied. Und Feuz zitiert erneut Alexandre Dumont, weil sein Text so treffend sei:

Zusammenfassend gelte: Mithilfe von KI zu arbeiten, sei nicht dasselbe, wie einen Text von KI schreiben zu lassen. Ein Buch, bei dem KI als Werkzeug für Recherchen, Analysen und die redaktionelle Bearbeitung eingesetzt wurde, stelle für ihn überhaupt kein Problem dar. Die Geschichte müsse aber unbedingt jene des Autors oder der Autorin bleiben. Und das eigentliche Schreiben dürfe nicht an eine Maschine delegiert werden.

Und was die jüngste Initiative betreffe, einen Literaturpreis für Bücher zu schaffen, die zu 100 Prozent von KI geschrieben wurden: Was für eine geniale Idee, ganz auf der Höhe des geistigen Niveaus ihrer Zeit! Jetzt bleibe nur noch zu hoffen, dass bald auch ein Guide Michelin für Junkfood geschaffen werde, der McDonald's, KFC und Burger King mit Sternen auszeichne!

I.Chauvin--PP