Petit Parisien - Nordkoreas Cybermacht: Milliarden-Diebstahl und die europäische Lücke

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Nordkoreas Cybermacht: Milliarden-Diebstahl und die europäische Lücke
Nordkoreas Cybermacht: Milliarden-Diebstahl und die europäische Lücke

Nordkoreas Cybermacht: Milliarden-Diebstahl und die europäische Lücke

Nordkoreansche Hacker haben durch digitale Raubzüge mindestens 13 Milliarden Dollar an Kryptowährung erbeutet, um das Atomprogramm zu finanzieren. Angesichts dieser eskalierenden Bedrohung fordert die Analyse eine verstärkte europäische Cyberabwehr und engere Kooperation mit den USA, Japan und Südkorea.

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Vor zwölf Jahren demonstrierten nordkoreanische Hacker ihre Fähigkeiten, als sie das Filmstudio Sony mit einem verheerenden Cyberangriff trafen. Der Vorfall war eine Vergeltung für die Produktion einer Persiflage auf Kim Jong-un. Seitdem hat sich die Natur der Bedrohung gewandelt. Nach den harten Sanktionen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2016 konzentriert sich das Regime zunehmend auf digitalen Raub. In Hunderten von Angriffen haben nordkoreanische Hacker mindestens 13 Milliarden Dollar an Kryptowährung erbeutet. Dieses Geld dient dazu, die internationalen Sanktionen zu umgehen und das Atom- sowie Raketenprogramm des Landes zu finanzieren.

Der Westen hat auf diese Entwicklung keine wirksame Antwort gefunden. Ein Hauptgrund dafür ist, dass Pjöngjang von China und Russland gedeckt wird. Zudem wird die Bedrohung angesichts zahlreicher anderer globaler Krisenherde vernachlässigt. Dadurch verliert der Westen einen möglichen Hebel: Das Angebot von Sanktionserleichterungen im Austausch für den Rückbau des Nuklearprogramms ist kaum noch realistisch. Nordkorea bleibt auf absehbare Zeit eine Atommacht, und das Regime steht so stark da wie nie zuvor.

Die Fähigkeiten der nordkoreanischen Hacker sind alarmierend. Vor drei Jahren belegten nordkoreanische Studenten bei einem Online-Programmierwettbewerb in den USA mit 1700 Teilnehmern die ersten vier Plätze. Das Regime rekrutiert gezielt schon in der Schule. Der jüngste Krypto-Diebstahl im Wert von zunächst sechs Milliarden Dollar ist dabei nur der größte Coup; weitere werden folgen. Nominell entspricht dieser jüngste Raub fast einem Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung Nordkoreas, auch wenn ein Teil der gestohlenen Digitalwährung eingefroren werden konnte und ein anderer erst gewaschen werden muss.

Die Methoden der Angreifer sind hochprofessionell. Nordkoreas Hacker drangen in die weltgrößte Kryptobörse Binance ein, die ihren Sitz in Abu Dhabi hat. Das Einfallstor war der Laptop eines Mitarbeiters, den sie in ein fingiertes Online-Bewerbungsverfahren lockten. Binnen Minuten verschoben sie Milliardenwerte auf eigene Konten, die in der Kryptowelt oft auf Pseudonyme laufen. Ihre Beute verteilten sie auf Hunderte Adressen und tauschten die Werte zur Spurenbeseitigung in zahlreiche andere Kryptowährungen um.

Dies wirft Fragen nach der Verantwortung und Aufsicht der Kryptoindustrie auf. Finanzbehörden können digitale Transaktionen offensichtlich weit weniger kontrollieren als herkömmliche Banküberweisungen. Hilfe bekommt Nordkorea zudem in schwach verwalteten Staaten Südostasiens, wo es kompromittierte Computersysteme und kriminelle Finanznetzwerke nutzt. Eine Schlüsselrolle spielen jedoch China und Russland. Die Russen verschafften Nordkorea 2017 eine zusätzliche schnelle Internetverbindung per Glasfaser. Heute verschleiern nordkoreanische Hacker ihre Angriffe über russische und chinesische Netzwerke und Firmen. Die langwierige Umwandlung gestohlener Kryptowährungen in Devisen läuft maßgeblich über nichtstaatliche chinesische Geldwäscher.

Um die Netzwerke zu stoppen, führt an China und Russland kein Weg vorbei. Doch Peking steht aus geopolitischem Kalkül immer enger an Pjöngjangs Seite. Ebenso Russland, das mit seinem Veto das Mandat der UN-Sanktionsüberwachung gegen Nordkorea 2024 beendete. Hinweisen des von westlichen Ländern gestützten Nachfolgegremiums auf in China ansässige Krypto-Komplizen Nordkoreas geht Peking kaum nach. Letztlich zeigt diese Episode: Beide Staaten stehen einer wirksamen Eindämmung des Kim-Regimes entgegen und stehen vielmehr an seiner Seite.

Daraus folgt, dass Nordkoreas Cyberkriminalität längst auch ein europäisches Sicherheitsproblem ist. Schließlich unterstützt Pjöngjang Russlands Krieg gegen die Ukraine mit Munition und Soldaten und greift westliche Unternehmen im Cyberraum an. Nordkoreas Hacker bringen dem Regime über Telearbeit Devisen und verschaffen sich Zugang zu Daten und Technologien. Das hat auch mehrere deutsche Unternehmen getroffen, darunter einen Rüstungskonzern.

Schon deshalb sollte Europa die Bedrohung nicht als asiatische Angelegenheit behandeln. Deutschland und die EU müssen sich stärker an der Cyberkooperation der USA mit Japan und Südkorea beteiligen und in eigene Cyberabwehr und Blockchain-Analyse investieren. Bundeskanzler Merz hat auf seiner Asienreise zu Recht betont, dass die Sicherheit von Europa und Ostasien zusammenhängt. Daraus muss eine Strategie mit konkreten Maßnahmen folgen. Gemeinsam mit Staaten wie Japan und Südkorea, einer schlagkräftigeren europäischen Cyberabwehr, die sich nicht auf amerikanische oder gar chinesische Technik verlässt – und mit größerem Druck auf Länder und Akteure, die Nordkoreas staatskriminelle Netzwerke gewähren lassen.

U.Lefort--PP